5 Jahre fairTV!

Liebe fairTV-Mitglieder,

unser Verein wird heute 5 Jahre alt! 5 Jahre voller spontaner Treffen, voller nächtlicher Sitzungen, voll von hitzigen wie fruchtbaren Diskussionen, voller wilder Telefonkonferenzen, voller Recherchen, immer auf der Suche nach Strategien, Argumenten und guten Formulierungen. 5 Jahre voll vom Ringen um die Antwort auf die Frage: Was ist eigentlich „fair“?

5 Jahre voller Hoffnung. Wenn das kein Grund zum Feiern ist!

Vielleicht erinnern sich einige von Euch daran, als am 03.10.2012 in einem Leipziger Wohnzimmer die ersten Unterschriften unter die offizielle Satzung gesetzt wurden. Dem voraus ging das inzwischen legendäre Treffen an der „Gründungseiche“ im Sommer 2012, bei dem es, wie schon bei früheren Treffen, viel Wut über die „Friss oder stirb“-Mentalität von Sendern und Produzenten, nun endlich aber auch konstruktive Vorschläge zur Verbesserung gab. Erstmals erreichten wir in diesem Kreis Einigkeit, dass es ohne organisierten Widerstand, ohne Konfrontation mit Sendern und Produzenten, ohne Risiko des Scheiterns keinen Erfolg geben würde. Eine wichtige, wenn nicht gar die wichtigste Erkenntnis überhaupt! Wir dürfen sie niemals vergessen.

Inzwischen haben wir sehr viel erreicht, und darauf können wir stolz sein! Nicht nur arbeiten alle fairTV-Mitglieder im Großraum Leipzig nur noch 8h für ihr Geld*, die ersten fleißigen Musterbriefschreiber haben in diesem Jahr erfolgreich die 300-Euro-Marke beim Tagessatz überschritten und werden dennoch gebucht. Wer hätte sich das vor 5 Jahren träumen lassen? Zur (traurigen) Erinnerung: im Sommer 2012 arbeiteten die meisten Editoren in und um Leipzig herum für 200-240 Euro am Tag, und zwar 10 Stunden lang. Alle Nicht-Mitteldeutschen im Verein werden an dieser Stelle vielleicht etwas müde lächeln müssen, ist doch anderenorts der 300-Euro-Satz schon länger eher eine Untergrenze, weit entfernt von den Empfehlungen der Berufsverbände (vgl. BFS: um 650-850€, Rechnungsteller). Es gibt also weiterhin viel zu tun hier in der Region!

Auch außerhalb des MDR-Sendegebietes konnten wir Entwicklungen in Bewegung bringen, indem wir uns zunehmend in der gesamtdeutschen Medienpolitik engagieren und auch dort mit zielsicheren, abgewogenen und stringent begründeten Argumenten Gehör finden. So befindet sich fairTV inzwischen in konstruktivem Dialog mit Intendanten, Fernsehdirektoren, Vorständen von Produzenten- und Berufsverbänden, Spitzenvertretern von Bundestagsfraktionen einiger Parteien, ja sogar Ministerpräsidenten. All das ist natürlich ein langwieriger Prozess. Und es sind ja auch dicke Bretter, die hier gebohrt werden müssen: Viele Strukturen (auch die der regelmäßigen Ausbeutung von freien Mitarbeitern und Selbstständigen im Vergleich zu Festangestellten) sind über Jahrzehnte eingeschliffen und schwer aufzubrechen. Dafür werden wir auch weiterhin einen langen Atem brauchen.

Was mich zum Wichtigsten bringt: Ich möchte mich im Namen des Vorstandes an dieser Stelle bei Euch allen für die wunderbare Zusammenarbeit bedanken! Ohne Euch, das ist sicher, wären diese Erfolge nicht möglich gewesen!!! Wir halten zusammen, dafür werden wir belohnt.


Habt alle einen schönen Feiertag und eine schöne Zeit!

Herzliche Grüße

Guntram Schuschke

Erst Tageshonorare ab 420 Euro (Beispiel: Editoren) sind Argument gegen Scheinselbstständigkeit

Nach dem Urteil des Bundessozialgerichts ist klar: auch die Honorarhöhe entscheidet über den Status als Selbstständiger. Und dies umso mehr, als die hinlänglich bekannten Kriterien – „nicht weisungsgebunden“, „nicht ortsgebunden“, „nicht in die Organisationsstruktur des Unternehmens eingebunden“ etc. – nach Aussage unserer Mitglieder in Streitfällen immer weniger Beachtung finden. Bleibt die Frage, ab welcher konkreten Honorarhöhe eine Scheinselbstständigkeit in Film- und TV unwahrscheinlich wird.

Dazu könnte als Grundlage der einzige existierende Tarifvertrag für auf Zeit beschäftigte Film- und TV-Schaffende, der TVFFS, herangezogen werden. Dort wird die Wochenmindestgage für auf Zeit angestellte Editoren mit 1508 Euro angegeben, was in einem Tagessatz von ca. 300 Euro für nicht Selbstständige resultiert. Ver.di empfiehlt in seinem „Code of Practice“ einen Aufschlag von mindestens 40% für die Selbstständigkeit, was zu einem Tagessatz von 420 Euro zzgl. MWSt. führt – wohlgemerkt als Untergrenze, was nur auf Berufsanfänger anwendbar wäre.

Ein anderer Ansatz nimmt die Rechtssprechung des Bundessozialgerichts noch deutlicher beim Wort, das sich auf „die übliche Vergütung eines Festangestellten“ bezieht. Hier wären im Bereich Film- und Fernsehen die üblichen Festangestellten vor allem in den öffentlich-rechtlichen Sendern zu suchen. Dort werden gemäß Tarifvertrag z.B. im MDR Monatsgehälter zwischen 3.949 und 6.347 Euro brutto für Editoren und Kameraleute bezahlt*. Das derzeit laufenden Equal-Pay-Projekt von fairTV in Zusammenarbeit mit Langer Media Consulting errechnet daraus mit den Instrumenten der Wirtschaftswissenschaft und Statistik einen angemessenen Tagessatz für Solo-Selbstständige. Das Ergebnis der ersten Hochrechnungen: Mindestens 600 Euro Tagessatz (Berufseinsteiger) wären nötig, um bei aktuellen Gegebenheiten und durchschnittlicher Auslastung zu einem entsprechenden Monatseinkommen (Untergrenze) zu führen und entsprechend als Argument gegen Scheinselbstständigkeit nutzbar zu sein.

Erwähnenswert sind auch die Honorarempfehlung des BVFK für Solo-Selbstständige (min. 580 Euro) und der Gagenkompass des BFS (min. 650 Euro), welche beide auf unterschiedlichen Wegen zu einem ähnlich gelagerten Ergebnis gelangen wie fairTV im Equal-Pay-Projekt.

Klar ist in jedem Fall: die Honorare für soloselbstständige Film- und TV-Schaffende müssen deutlich steigen, um in Zukunft bei dem Vorwurf der Scheinselbstständigkeit als Entlastungsargument herangezogen werden zu können. Wir wissen allerdings auch, dass derzeit solche Honorare nicht durch die Budgets der Fernsehsender abgedeckt werden.

fairTV ruft daher alle Produzenten und technischen Dienstleister dringend dazu auf, die Auftrag gebenden Sender umgehend mit diesen neuen Fakten zu konfrontieren, sofort in Nachverhandlungen über budgetierte Tageshonorare in oben genannter Höhe einzutreten und die ausgehandelten Anpassungen direkt an die Solo-Selbstständigen weiterzugeben. Anderenfalls dürften in naher Zukunft schmerzliche Nachzahlungen an die Sozialkassen drohen.

Alle soloselbstständigen Film- und Fernsehschaffenden rufen wir auf, die oben genannten Honorare bei Honorarverhandlungen immer im Hinterkopf zu behalten und sich dem möglichst anzunähern – die drohende Gefahr der Scheinselbstständigkeit bei zu niedrigen Honoraren sollte dabei in Zukunft immer angesprochen werden.

Euer fairTV-Team

* Quelle: MDR-Organisationshandbuch, Stand 27. Mai 2014, inkl. 13. Monatsgehalt, nur Angestellte ohne „Junior“ oder „Senior“-Status

Bundessozialgericht bestärkt Formulierung in den fairTV-Musterbriefen: Honorarhöhe ist ein Kriterium zur Bewertung von Scheinselbstständigkeit

Seit einigen Jahren steht am Ende unseres jährlichen Musterbriefes zur Honoraranpassung der Satz „Bitte haben Sie dafür Verständnis, dass ich als Einzelunternehmer gezwungen bin, die Prinzipien der gewinnorientierten Wirtschaftlichkeit zu befolgen und daher diese Aktualisierungen zwingend notwendig sind. Alternative, eher arbeitnehmerähnliche Kalkulationen würden mich dem Vorwurf der Scheinselbstständigkeit aussetzen.

Das Bundessozialgericht bestätigt nun unsere geäußerte Sorge. In der Pressemeldung 14/2017 vom 31. März 2017 heißt es dazu: „Ermöglicht ein relativ hohes Honorar einer Honorarkraft Eigenvorsorge, ist dies ein gewichtiges Indiz für ihre Selbstständigkeit“.

Dies sollte alle Produzenten und technischen Dienstleister aufhorchen lassen, drohen doch aufgrund der aktuellen Rechtssprechung empfindliche Nachzahlungen. Und dass die derzeitigen Honorarhöhen es flächendeckend eben gerade nicht ermöglichen, „Eigenvorsorge“ zu betreiben, das hat die Studie der „Filmschaffenden“ erst kürzlich in beeindruckender Deutlichkeit nachgewiesen. Zur Erinnerung: 55% der Film- und Fernsehschaffenden haben nach eigenen Angaben keine ausreichende Altersvorsorge. 62% von diesen geben an, das aufgrund ihrer zu niedrigen Honorarhöhe nicht leisten zu können.

Es ist offensichtlich, dass der Status der Selbstständigkeit für viele Film- und TV-Schaffende bei den aktuellen Honoraren langfristig nicht haltbar sein wird. Wir bei fairTV verstehen daher das Urteil als einen Aufruf an unsere Branche, die Honorare (in der Selbstständigkeit) vollständig neu zu spezifizieren. Es wird hier nicht um ein paar Prozente Zuschlag gehen – vielmehr muss das Prinzip „Equal-Pay“, also gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit* ungeachtet der Anstellungsverhältnisse, auch bei der Budgetierung durch die Sender sowie der Kalkulation von Produzenten und technischen Dienstleistern zugrunde gelegt werden.

Aus diesem Grund überdenken wir auch unsere aktuellen Honorarempfehlungen und werden in naher Zukunft daran Änderungen vornehmen.

Euer fairTV-Team

* für nicht-Betriebswirte: Da Selbstständige viele Kosten in ihre Tagessätze einkalkulieren müssen, die Angestellte nicht haben, u.a. die Finanzierung von Krankheitszeiten, Urlaubszeiten, Fortbildung, Büroorganisation, Akquise sowie das tägliche Risiko der Nichtbeschäftigung u.v.a.m, bedeutet gleiche Bezahlung deutlich höhere Tagessätze für Selbstständige als für Angestellte.

fairTV im Bundestag!

Fraktion DIE LINKE macht problematische Solo-Selbstständigkeit zum Thema, fairTV diskutiert mit


Spätestens seit der Erfindung der „Ich-AG“ ist die Ausbeutung von Solo-Selbstständigen, sogenannten „Freelancern“, ein Skandalthema nicht nur in der Film- und TV-Branche. Nun hebt die Fraktion DIE LINKE die Probleme auf die politische Agenda. Am 10. März 2017 gab es dazu ein öffentliches Fachgespräch im Bundestag unter dem Titel "Digitale Tagelöhner? Mindesthonorare für (Solo-)Selbständige". Unser Vorsitzender Guntram Schuschke war eingeladen, um als Referent und Diskussionspartner die langjährigen und schmerzlichen Erfahrungen und Sorgen in der Film- und TV-Branche zum Thema beitragen zu können.

Dabei waren viele der Anwesenden deutlich überrascht, dass es auch im gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk eine drastischen Schieflage bei der Bezahlung freier Mitarbeiter und Soloselbstständiger gegenüber den nach Tarif angestellten Sendermitarbeitern gibt. Vor allem das Argument der Sender, dies wegen der Beitragsstabilität „im Interesse der Zuschauer tun zu müssen“, empörte angesichts der ca. 8 Milliarden Euro Gebührengelder jährlich.

Für Mindestlohn-Skeptiker interessant: Entgegen dem Titel ging es weniger um ein (Branchen-)Mindesthonorar als einzigen Ausweg für die vielfältigen Probleme. Vielmehr gelang es in der Diskussion, vorerst ergebnisoffen Ursachen, Anreize und vermutete Folgen zu umreißen und daraus notwendiges politisches Handeln abzuleiten. Das macht Hoffnung, und damit wird die Fraktion DIE LINKE direkt zum Ansprechpartner für die Sorgen von über zwei Millionen Solo-Selbstständigen in unserem Land, zumal angedeutet wurde, dass dies auch Teil des Wahlprogramms 2017 sein wird.

Wir finden: Ein guter Anfang! Und hoffen, dass auch alle anderen Parteien die Situation als das erkennen, was sie ist: unsozial und gefährlich für die gesamte Gesellschaft.

Euer fairTV-Team


* fairTV schätzt auf der Basis von Hochrechnungen im laufenden Projekt „EqualPay“ das Arbeitseinkommen von Freelancern gegenüber tariflich Festangestellten in den Sendern auf ca. 1/3 bei gleicher Arbeitsleistung unter Beachtung betriebswirtschaftlicher Regeln für die Berechnung von Unternehmensrentabilität: Neben unproduktiven und in einem regulären Arbeitsverhältnis bezahlten Zeiten wie Urlaub, Krankheit, Weiterbildung etc. werden auch Zeiten für die Organisation des Unternehmens eingepreist sowie das Risiko der Nichtbeschäftigung beachtet, welches von Soloselbstständigen oftmals ohne finanziellen Ausgleich mangels besseren Wissens oder auch mangels anderer Optionen getragen wird; außerdem werden die freiwilligen Einzahlungen in die sozialen Sicherungssysteme angenommen

Auf ein frohes Neues!

fairTV blickt zurück auf ein erfolgreiches Jahr 2016.

Viele unserer Projekte konnten wir weiter voran bringen. Vor allem freuen wir uns über die Fortschritte bei unserem "Equal Pay"-Projekt, ebenso über die schrittweise Durchsetzung des 8-Stunden-Tages in Mitteldeutschland – ab jetzt auch für Kameraleute und Assistenten! Vier Jahre haben wir uns uns für diese Entwicklung stark gemacht.

Auch unser Brief an die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten der Länder blieb nicht unbeachtet. Einige vielversprechende Antworten und Reaktionen haben fairTV bereits erreicht. Das macht Hoffnung, dass unsere berechtigten Anliegen in der Politik endlich gehört und verstanden werden.
Wir freuen uns auf das neue Jahr! Es bleibt auf jeden Fall spannend!

Euer fairTV-Team

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